Die Akropolis von Pantelleria
Ka
mpagne Sommer 2000
 

Vorwort
Auf Einladung von Prof. Dr. Maurizio Tosi (Universiät Bologna) und Prof. Dr. Sebastiano Tusa (Sopraintendenz Trapani) konnte Prof. Thomas Schäfer (Institut für Altertumswissenschaften der Universität Greifswald) im Rahmen des Projektes „Carta Archeologica dell’isola di Pantelleria“ die Erforschung der punisch-römischen Akropolis von Pantelleria übernehmen. Entsprechend der Bedeutung des Platzes sollte die Grabung von Anfang an in einem möglichst großen und internationalen Rahmen durchgeführt werden. Dazu konnte besonders Prof. Dr. Massimo Osanna (Universität der Basilicata, Potenza) mit weiteren Mitarbeitern und Studenten der Universitäten Rom und Padova gewonnen werden. Als weitere Spezialisten kam auch ein Team der Fachhochschule Karlsruhe unter der Leitung von Dipl. Ing. Michael Watzke hinzu, das sich der geodätischen Aufnahme der Akropolis widmete. Anhand der dadurch gewonnenen Daten wird ein computergestütztes 3D-Modell der Akropolis und der Grabung entworfen.

Eine großzügige Finanzierung durch die Gerda-Henkel-Stiftung (D
üsseldorf) ermöglichte es, dieses auf mehrere Jahre angelegte Projekt zu realisieren. Zusätzliche Hilfe kam von der Comune di Pantelleria, dem Archeoclub Pantelleria, besonders Rosario Di Fresco und Francesco Brignone, sowie der Firma Globetrotter (Hamburg). Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
 

Das Grabungsteam 

  • Direktor: Prof. Dr. Thomas Schäfer

  • Leitung:  Prof. Dr. Massimo Osanna

  • Magazin, Fundbearbeitung:Dr. Jutta Fischer, Dr. Heidi Hänlein-Schäfer

  • Schnittleitung: Dr. Jürgen W. Riethmüller, Dott. Barbara Serio, Dott. Teresa Virtuoso, Arne Weiser

  • Geodäsie: Dipl. Ing. Michael Watzke, Matthias Giesler, Jens Kohl.

  • Photo: Reimon Nischt

  • Studenten: Antonio Bruscella, Vincenzo Capozzoli, Antonio Ferrandes, Jana Heinze, Katrin Hering, Katja Moede, Dirk Müller, Chiara Mulè, Yvonne Querner, Lars Saalow, Annekatrin Sitte, Mariana Thater.

Das antike Cossyra
Pantelleria hat nicht nur in prähistorischer eine wichtige Rolle gespielt. Aufgrund seiner Lage am Schnittpunkt der antiken Seehandelsrouten zwischen dem östlichen und westlichen Mittelmeerraum sowie zwischen Afrika und Sizilien war es auch in historischer Zeit von Bedeutung. Die Insel, in der Antike Cossyra genannt, war eine der ersten Stationen auf dem Wege der punischen Expansion von Karthago nach Westsizilien und Sardinien. Folglich wurde hier wohl einer der frühesten Stützpunkte des karthagischen Seereiches angelegt. Besonders deutlich wird die strategische Bedeutung der Insel im ersten punischen Krieg: eine römische Flotte eroberte auf dem Weg nach Afrika 255 v. Chr. die Insel, wofür die römischen Konsuln einem Triumph über Cossyra feierten. Die Karthager gewannen die Insel jedoch bald zurück, erst 217 v. Chr. kam sie definitiv unter römische Herrschaft und wurde der Provinz Sicilia zugeschlagen. In römischer Zeit stand dann vor allem der Handel, Weinanbau und –export auf Pantelleria im Vordergrund, den zahlreiche Funde von Schiffswracks mit Weinamphoren in den Gewässern um die Insel belegen.

Die Akropolis von Cossyra
Die antike Stadt Cossyra lag am Ort des heutigen Hauptortes an der großen Hafenbucht im NW der Insel. Etwa 1500 m südöstlich davon erhebt sich unterhalb des Monte S. Elmo der Doppelhügel von S. Marco und S. Teresa, der das gesamte Stadtgebiet und die Wege ins Landesinnere beherrscht. Aufgrund seiner markanten Lage und der zahlreichen antiken Reste ist dieser sicher als Akropolis von Cossyra anzusprechen.
 
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich daher die Aufmerksamkeit auf diesen Hügel gerichtet. Frühe Forscher wie Saverio Cavallari und Paolo Orsi, der Begründer der sizilischen Archäologie, haben hier erste Untersuchungen angestellt und dabei zahlreiche gut erhaltene antike Zisternen und Terrassenmauern festgestellt. Ebenso vielversprechend waren kürzere Grabungen 1965 und 1998. Trotzdem ist dieser für die Geschichte der Insel und für die pönizische Kolonisation des westlichen Mittelmeers so zentrale Ort bisher noch nicht systematisch untersucht worden.

Die Situation vor Grabungsbeginn
Wie wichtig dieser Grabungsplatz ist zeigte sich bereits bei unserer ersten Untersuchung im Frühjahr 2000. Unter dem Dammuso auf der höchsten Spitze von S. Marco liegen zwei komplett erhaltene, monumentale Zisternen, die eine davon sicher aus punischer Zeit, wie Parallelen aus Karthago und Sardinien zeigen. Weitere Zisternen finden sich im gesamten Hügelbereich. Die auffälligsten Reste sind daneben mehrere monumentale Terrassen- und Befestigungsmauern aus sorgfältig behauenen Trachytquadern, die den oberen Bereich des S. Marco- und S. Teresa-Hügels umziehen. In einer modernen Mauer fanden sich außerdem zahlreiche antike Bauglieder, die von einem Monumentalbau auf der Akropolis stammen, vielleicht einem großem Heiligtum der Stadt.

Die Grabung auf dem S. Marco-Hügel
Ziel unserer Grabung war daher zunächst, die Funktion und die Datierung dieser Baustrukturen zu klären, um den Charakter der Akropolis näher bestimmen und Anhaltspunkte für die Art ihrer Bebauung gewinnen zu können. Mit der Wiedergewinnung der antiken Gestalt der Akropolis sind aber eine Reihe weiterer, übergeordneter Fragen verbunden, die wir im Laufe unserer Grabungskampagnen zumindest zum Teil beantworten wollen: Zu welchem Zeitpunkt hat sich Karthago der Insel bemächtigt und eine Kolonie gegründet? Wo lag diese frühe punische Kolonie? Lag sie auf der Akropolis, wie der Fund früher Gräber in ihrer Umgebung vermuten läßt? Welche Rolle spielte die Akropolis im urbanistischen Gesamtkonzept? Welche Schlüsse ergeben sich aus den Funden für die Handelsbeziehungen Cossyras zu Karthago und den Griechen in Sizilien? Welche Auswirkungen hatte die römische Okkupation der Insel?

Für die Grabung wurde daher drei möglichst große Areale auf dem zur Stadt gerichteten Hügel von S. Marco ausgewählt, die für unsere Fragestellungen besonders vielversprechend schienen: Schnitt I auf der Spitze des Hügels, Schnitt II und III auf jeweils darunterliegenden Terrassen an der Südwestseite.

Schnitt I auf der Spitze von S. Marco
Im Umkreis einer modernen Tenne auf der obersten Spitze zeigten sich bereits vor der Grabung Felseinarbeitungen, darunter eine in den Fels gearbeitete Treppe. Sichere Reste eines zugehörigen Gebäudes konnten bisher noch nicht festgestellt werden. Trotzdem ergaben sich bei der ersten Kampagne bereits wichtige Anhaltspunkte für die antike Gestalt der Akropolis. Dabei zeichnen sich vier Schwerpunkte der Bebauung ab.

Die älteste Phase bilden eine Reihe von Felseinarbeitungen zum Bruch von Steinblöcken. Für sie wurden natürliche Felsadern genutzt, um das Herauslösen der Blöcke mittels Keilen zu erleichterten, eine traditionelle Technik, die bis vor kurzem noch in den Steinbrüchen von Pantelleria praktiziert wird.
Der wichtigste Rest der antiken Bebauung ist jedoch ein aufwendiges System untereinander verbundener Zisternen, das die gesamte Hügelspitze überzieht – für eine Siedlung auf der weitgehend quellosen Insel sicher die Grundvoraussetzung. Insgesamt vier Zisternen wurden bisher im Grabungsareal festgestellt. Drei davon besitzen identisch ovale Form und sind den natürlichen Adern folgend in den Fels eingetieft, wobei Unebenheiten durch kleinere Mauern ausgeglichen wurden. Alle drei zeigen denselben charakteristischen Verputz. Aufgrund dieser charakteristischen Technik sind sie sicher als punisch anzusprechen, wie Vergleichsbeispiele aus Karthago und Sardinien zeigen. Eine vierte Zisterne weist demgegenüber Unterschiede auf. Sie dürfte erst aus römischer Zeit stammen. Am aufschlußreichsten ist dabei eine Zisterne an der Westseite, die bis zur Hälfte ausgegraben wurde. Wie die Verfüllschichten zeigen wurde sie in byzantinischer Zeit aufgegeben und bis in die Neuzeit als Stall oder Hütte verwendet.
Diese Zisternen gehören zu einem ausgeklügelten Wassersystem auf der Hügelspitze. Das ergibt sich aus einem Wasserzuflußkanal für die Westzisterne und weiteren Wasserablaufkanälen, die aus dem Bereich unter der modernen Tenne hervortreten. Unter ihr ist also der zentrale Verteiler, also die Hauptzisterne zu suchen. War diese gefüllt wurde das Wasser in die etwas tiefer gelegenen Nebenzisternen geleitet.
Neben diesen Zisternen wurden mehrere schlecht erhaltene Fundamentmauern und Stuckfragmente einer punischen Wandarchitektur gefunden, die sich vorerst noch nicht in einheitliches Bild einfügen. Relativ klar ist dagegen schon die letzte Besiedlungsphase der Akropolis: Reste von Lehmfußböden belegen die Errichtung einer bescheidenen Hüttensiedlung, die aufgrund von Keramikfunden aus byzantinischer Zeit stammt. Das aufwendige Wassersystem der punischen Phase wurde dabei aufgegeben.

Schnitt II
Schnitt II, im SW auf einer niedrigeren Terrasse gelegen, zeigt dagegen ein völlig anderes Bild. Zwar wurde auch hier eine punische Zisterne freigelegt, der wichtigste Fund ist jedoch eine in den Fels gearbeitete Rampe, von der ein zweites Teilstück weiter unten in Schnitt III entdeckt wurde. Diese Felsrampe bildete in einer frühen Phase einen wichtigen Zugang zur Akropolis, der von der tiefer gelegenen Stadt über mehrere Serpentinen zur obersten Spitze hinaufführte. Auf der einen Seite dieser Rampe finden sich die Reste eines darauf ausgerichteten punischen Wohnhauses, auf der anderen dagegen ein völlig intakter Wasserkanal mit Abdeckung, der der Ableitung des Wassers von der oberen Terrasse, also aus den in Schnitt I gefundenen Zisternen diente. Durch die Anlage der Terrassenmauer wurde dieser Zugang zur Akropolis in späterer Zeit verschlossen und die Rampe mit Verfüllschichten bedeckt. In diesen Schichten kamen besonders reiche Funde zu Tage, darunter Terrakotten und Gefäße einer bisher unbekannten, wohl aus Pantelleria stammenden einheimischen Ware.

Schnitt III
Schnitt III auf einer unterhalb gelegenen Terrasse hat bisher die wichtigsten Ergebnisse der Grabung geliefert. Hier wurde als älteste Phase ebenfalls ein längeres Teilstück der frühen Akropolisrampe freigelegt. Neben dieser Rampe wurden die Reste eines stark zerstörten rechteckigen Baus gefunden, der als wichtigstes Element einen merkwürdigen Rundsaal unbestimmter Funktion enthält. Bisher ist noch nicht klar, ob es sich hier um ein Wohnhaus oder ein Heiligtum handelt. Klar ist jedoch, daß dieser Bau aus derselben Zeit wie die Rampe stammt, also zur punischen Besiedlungsphase der Akropolis gehört. In einer zweiten Phase wurde diese Rampe auch hier durch eine Terrassenmauer geschlossen, die in diesem Falle wesentlich besser erhalten ist. Mit einer Länge von 13 m und einer Höhe von über drei Metern gehört sie zu den wichtigsten antiken Resten auf der Akropolis. Aufgrund dieser monumentalen Dimension handelte es sich dabei wohl nicht nur um eine einfache Terrassenmauer, sondern vielmehr um den Teil einer Befestigungsmauer, die die Spitze von S. Marco umläuft. Die Funde sprechen für eine Datierung dieses Mauerringes ins 3. Jh. v. Chr. Es liegt also die Vermutung nahe, daß er nach der ersten römischen Eroberung von Cossyra 255 v. Chr. zur Verstärkung des Verteidigungssystems angelegt wurde. Nach der trotzdem erfolgten zweiten Eroberung der Insel verlor diese Befestigung ihre Funktion. An sie wurde jetzt in einer letzten Phase ein großer Gebäudekomplex herangeschoben, der die Terrassenmauer als Rückwand nutzte.

Programm für 2001
Die drei in der ersten Kampagne geöffneten Schnitte haben sich als überraschend ergebnisreich erwiesen. Sie sollen im nächsten Jahr vergrößert werden um zusätzliche Informationen zu gewinnen. Besonders wichtige Vorhaben sind dabei die weitere Verfolgung der Akropolisrampe bis zur obersten Terrasse und die Erforschung des antiken Befestigungssystems. Daneben sollen aber auch die antiken Haustrukturen weiter untersucht werden sowie das für die Siedlung so entscheidende Wassersystem. Es gilt hier vor allem die bisher entdeckten Zisternen komplett freizulegen und die moderne Tenne abzutragen, um die genaue Funktion dieses Systems klären.

Fortsetzung